Textschnipsel

Vergangene Woche habe ich auf meinem privaten Facebook-Profil einen Textschnipsel aus meinem neuen Manuskript veröffentlicht. Nur ein kleiner Auszug. Und wie ich an dem Tag schon schrieb: Nach dem Buch ist vor dem Buch. Ja, mein „Und Oenghus weinte“ ist erst ein paar Wochen alt, aber: Das Schreiben hört niemals auf. Jedenfalls dann nicht, wenn man genug „Input“ hat. Den hatte ich in den letzten Jahren massenhaft. Auf meiner Festplatte liegen so viele Buchideen und angefangene Manuskripte wie noch nie.

Warum schreibt man einen Anfang und fasst das Ganze dann über Jahre nicht mehr an? Wie immer kann ich diese Frage nur für mich beantworten, denn wie andere Autoren das regeln, weiß ich nicht. Bei mir ist das so, dass eine Idee reifen muss, aber ich mag sie nicht vergessen. Deswegen schreibe ich sie auf. Manchmal sogar, indem ich ein erstes Kapitel schreibe. Manche Ideen werden sogar in Form von mehreren Kapiteln festgehalten. So lange, bis mir der Plot dazu einfällt. Ich muss ja selbst erst mal wissen, wohin ich mit meiner Geschichte will. Außerdem ist es durchaus so, dass man nicht zu jeder Zeit an jedem Thema arbeiten kann. Man muss mental dazu in der Lage sein, und bei manchen Themen geht das nur, wenn man psychisch stabil ist.

Der neue Roman

Mein neuer Roman ist eine Fiktion. Dennoch hat er einen ernsthaften Hintergrund. Und zwar so ernsthaft, dass ich Beklemmungen bekam, als ich anfing ihn zu schreiben – vor etwa zwei Jahren war das. Bei einer fiktionalen Dystopie, die in der Zukunft spielt, wäre das ziemlich unwahrscheinlich, weil man sich hierfür als Autor nur ausdenkt, wie es sein könnte. Mein neuer Roman spielt allerdings in unserer Zeit und hat einen realen Hintergrund. Es geht um eine Missbrauchsbeziehung, genauer gesagt: Um die psychische Misshandlung und Zerstörung der Partnerin. Wer sollte so etwas wollen? Suchen wir nicht alle nach Liebe, Fürsorge und einer harmonischen Partnerschaft? Ja sicher, die meisten von uns tun das. Aber es gibt da draußen Menschen, die voller Wut und Hass sind. Und im Grunde erfüllt von dem Bewusstsein, dass sie selbst gar nicht so toll sind, wie sie es ihrer Umwelt immer verkaufen. Also muss man andere zerstören. Sich selbst durch sie erhöhen. Das passiert in Deutschland Tag für Tag. Meist hinter verschlossenen Türen.Und ich schreibe den Roman jetzt, zu diesem Zeitpunkt, weil ich jetzt psychisch stabil bin. Bei diesem Thema muss das einfach so sein. Trotzdem spüre ich, wie mich beim Schreiben der Zorn packt und dann muss ich erst mal eine Runde mit meinem Hund durch den Wald drehen, bevor ich weiter an diesem Thema arbeiten kann.

Beängstigende Statistiken

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat eine repräsentative Studie aus dem Jahr 2004 vorgelegt, die unter anderem hier nachzulesen ist:

https://www.frauen-gegen-gewalt.de/gewalt-gegen-frauen-zahlen-und-fakten.html

Demnach haben 40 Prozent aller Frauen in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. 25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen haben häusliche Gewalt erlebt – also Gewalt durch den Partner oder eine andere Person aus dem engsten Familienkreis. 13 Prozent aller in Deutschland lebenden Frauen haben sogar strafrechtlich relevante Formen der Gewalt erlebt. 42 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen haben psychische Gewalt erlebt: Verleumdungen, Drohungen, Einschüchterung, Psychoterror – um nur einige Formen zu nennen.

Das ist fast die Hälfte aller in Deutschland lebenden Frauen. Mit ziemlicher Sicherheit gibt es eine erschreckend hohe Dunkelziffer, die natürlich niemand nachvollziehen kann. Wenn ich nun also auf meine eigenen Beobachtungen und ja, auch auf meine eigenen Erfahrungen zurückblicke, entsteht bei mir das Gefühl, dass mindestens jede dritte Frau betroffen ist und irgendeine Form der Gewalt erlebt. Ich selbst habe mich aus dieser Beziehung gelöst. Viele Frauen, die ich persönlich kenne, haben sich aus solchen Beziehungen gelöst und haben mir ihre Geschichten erzählt. Ich war auch lange in einem entsprechenden Forum unterwegs und habe dort noch viel mehr erfahren. Meine eigenen Erfahrungen sind niemals in irgendwelche Statistiken eingeflossen. Und ich kenne sehr viele Frauen, deren Erfahrungen auch niemals irgendwo offiziell wurden. Sie haben es gemacht wie ich: Sie waren schockiert, auf was das Ganze hinausläuft, mussten erst einmal für sich erkennen, was da gerade passiert – und haben sich gelöst. Die eine früher, die andere später. Solche Prozesse verlaufen in Phasen und da hat jeder betroffene Mensch sein eigenes Tempo.

Ein Roman zu diesem heftigen Thema?

Ja. Unbedingt. Ich habe eben weiter oben gesagt, dass ich auch auf eigene Erfahrungen zurückblicke. Dazu kann ich stehen, auch ich habe bereits Partnerschaftsgewalt erlebt, und das nicht zu knapp. Ich habe mich aus dieser Beziehung gelöst. Aber die Dämonen der Vergangenheit lassen betroffene Frauen nicht mehr los – nie wieder. Das ist wahrscheinlich gut so, denn man lernt auf diesem Weg, sehr genau auf die Vorzeichen zu achten. Nur wer die Lektionen der Vergangenheit verstanden hat, kann seine Zukunft verändern. Und ich kann in meiner Eigenschaft als Autorin nicht jeden biografischen Hintergrund leugnen. Manchmal ist er einfach da und es gibt für eine betroffene Frau nichts, wofür sie sich schämen müsste. Das sage ich seit einigen Jahren schon jeder Frau, die mir ihre Geschichte anvertraut. Muss ich da nicht mit gutem Beispiel vorangehen? Es ist inzwischen Jahre her und ich bin drüber weg. Kann es jetzt einordnen. Und vor allem: Jetzt kann ich darüber schreiben. Und trotz der biografischen Hintergründe: Die Story ist eine Fiktion. Aber die Geschichte verläuft sehr typisch und zeigt auf, wie eine Gewaltbeziehung überhaupt beginnt, wie sie sich (meistens) entwickelt und wie man sie erkennt.  Zumindest bis an einen bestimmten Punkt. Mehr möchte ich noch nicht verraten, denn dann müsste ich diesen Roman ja nicht mehr schreiben. Diese neue Geschichte von mir ist, trotz eigener Erfahrungen, nicht meine Geschichte. Aber es ist eine sehr typische Geschichte.

Meine bisher veröffentlichten „Textschnipsel“

Unlektoriert! Aktuell arbeite ich noch am Manuskript und das heißt: Ich habe meinen Plot und ich schreibe einfach drauflos. Die einzelnen Kapitel gründlicher auszuarbeiten, so manche Formulierungen zu ändern und ja, auch hier und da mal etwas wieder zu streichen – das wird dann im zweiten Durchgang erfolgen, wenn das Manuskript fertig ist. Danach werde ich es noch einmal einer Lektorin anvertrauen.

Mein erster „Textschnipsel“:

Sie hörte, wie Ralf das Tor öffnete, um den Wagen in den Hof zu fahren. Wie fast immer zitterten ihr die Knie und nervös, sich zur Ruhe mahnend, setzte sie sich an den Küchentisch. Alina atmete tief ein und spielte, um sich etwas abzulenken, mit den Fingern am Obstkorb, der in der Mitte des Tisches stand. Nervös sortierte sie Bananen und Äpfel um, richtete die Birnen in der Mitte der Obstschale auf den Bananen an. Auf dem Herd stand ein großer Topf mit lecker duftendem Gemüseeintopf. Das Brot das sie dazu reichen wollte, war selbst gebacken und duftete herrlich. Es war noch lauwarm.

Missmutig betrat Ralf die Küche und warf seinen Schlüssel achtlos auf das Schränkchen im Flur. „Wie war dein Tag, mein Schatz?“, begrüßte sie ihn. „Okay,“ brummte er kurz und knapp. So wie meist. Und dann begab er sich auf seine allabendliche Runde durch das Haus. Er kontrollierte sorgfältig die Regale auf Staub, ließ seinen Blick über den Großbildfernseher schweifen, betrachtete kritisch den Boden, und schlurfte schließlich in die Küche.

 

Am Tag darauf veröffentlichte ich einen zweiten Textschnipsel:

Hätte es ein Zurück gegeben, so wäre Alina spätestens an diesem Tag geflohen und hätte mit Ralf nie wieder ein Wort gewechselt. Aber es gab kein Zurück mehr. Sie hatte eine falsche und vorschnelle Entscheidung getroffen und damit musste sie nun irgendwie leben. Alina beruhigte sich mit der Idee dass Ralf sich ganz bestimmt irgendwann wieder besinnen würde und wieder zu dem Mann wurde, der er vorher auch gewesen war. Liebevoll, freundlich, aufmerksam, fürsorglich. Aber im Grunde ihres Herzens wusste sie, dass das niemals der wirkliche Ralf gewesen war. Nun kannte sie sein wahres Gesicht. Sie kam nur nicht dahinter, aus welchem Grund er ihr monatelang die große Liebe und den freundlichen, fürsorglichen Mann vorgespielt hatte.

Und hier der dritte:

Ralf musterte sie von oben bis unten. Sein Blick war kalt und abschätzend. „So, ich bin also grausam und bösartig, ja?“, fragte er irgendwann. Sein Ton war gefährlich leise. Dann erhob er sich. „Ich werde in mein Arbeitszimmer gehen. Es gibt sowieso noch einiges zu tun. Wenn ich wieder nach oben komme, hoffe ich sehr für dich, dass du wieder einen freundlichen Ton anschlägst.“
„Sonst?“, fragte Alina provozierend.
Ralf sah sie verächtlich an. „Gar nichts“, sagte Ralf. Er erhob sich und lief zur Wohnzimmertür. Dann drehte er sich noch einmal nach ihr um. „Gar nichts, Alina. Ich habe mich auf diese Sache eingelassen, also muss ich jetzt sehen, wie ich damit fertig werde.“
Alina schnappte nach Luft. Er musste sehen, wie er damit fertig wurde? Ralf knallte die Wohnzimmertür hinter sich zu und sie hörte, wie er die alte, quietschende Holztreppe nach unten stapfte. Sie schüttelte sich unwillkürlich und starrte minutenlang durch das Wohnzimmerfenster in die Dunkelheit. Da draußen war nur Feld und Wald zu sehen. Ab und zu kam ein Auto vorbei, warf für ein paar Sekunden einen hellen Schein auf die Straße. Sie lebte hier draußen am Ende der Welt. So wie er sich verändert hatte, konnte sie getrost damit rechnen, dass er sie eines Tages nicht nur verbal, sondern auch körperlich angreifen würde. Und hier in dieser Einöde würde man sie nicht einmal schreien und weinen hören.

Bisherige Reaktionen

Ehrlich gesagt – ich habe nicht mit dem gerechnet, was jetzt gerade passiert. Ich habe in den letzten Tagen einige Zuschriften bekommen. Über diese Zuschriften werde ich keine weiteren Worte verlieren, denn sie waren vertraulich, nur so viel: Sie haben mir aufgezeigt, dass meine Textschnipsel, die ja noch keine ganze Geschichte aufzeigen, eine Menge Emotionen hervorrufen. Einige meiner Leserinnen sprachen von „triggern“. Diese wenigen Sätze kamen schon so vielen so unglaublich bekannt vor, und das finde ich persönlich erschreckend. Es zeigt mir auf, dass die Dunkelziffer wahrscheinlich noch viel höher ist als ich dachte. Es sagt mir auch, dass es wichtig ist, diesen Roman fertig zu schreiben. Und dass vielleicht auch jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür ist. Ich bin heute schon sehr gespannt, wie die Reaktionen auf weitere Textschnipsel ausfallen werden, denn es sind nicht nur die Zuschriften, die ich persönlich erhalte: Es sind auch die Diskussionen, die sich öffentlich dazu entwickeln, die mich nachdenklich stimmen.

Ganz bestimmt werde ich in den nächsten Tagen noch einmal einen separaten Blogartikel zum Thema psychische Gewalt schreiben – einer Form der Beziehungsgewalt, die meinem Roman zugrunde liegt und die betroffene Menschen erst einmal für sich selbst erkennen müssen. Das ist mitunter gar nicht so einfach. Ich habe hier absichtlich die Bezeichnung „Menschen“ verwendet, denn: Auch Männer sind von psychischer Gewalt durch Partnerinnen betroffen. Übrigens auch nicht gerade selten.

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