Freunde lesen nicht!

Ich höre immer wieder das Gleiche, wenn ich mich mit Kollegen unterhalte: Die eigene Familie interessiert sich null für die Bücher, die man schreibt – oder schon geschrieben hat. Und die Freunde tun es oft auch nicht.

Immer wieder spüre ich, wie verletzt die Kollegen über dieses Desinteresse sind. Wie enttäuscht sie sind und wie verbittert sie sich deswegen fühlen. Ein Thema, mit dem ich mich auch schon (oft) auseinandersetzen musste. Ein Thema, mit dem man sich übrigens immer wieder auseinandersetzen muss, wenn man sich nicht beirren lässt und weiterhin schreibt.

Ich habe oft versucht zu ergründen, warum das so ist. Warum wir in unseren engsten Kreisen immer auf dieses Desinteresse stoßen. Warum man manchmal sogar zickig reagiert, wenn wir von unserem neuesten Werk erzählen. Warum wir sogar Moralpredigten gehalten bekommen, weil wir überhaupt davon reden.

Nun, ich bin jetzt 51 Jahre alt und ich schreibe, seit ich denken kann. Wie ihr euch vorstellen könnt, habe ich diesbezüglich schon einiges erlebt und habe so manches Mal sogar bittere Tränen wegen solcher Dinge vergossen. Inzwischen bin ich darüber hinweg und erhebe überhaupt nicht mehr den Anspruch, dass die Menschen, die mir nahestehen, meine Bücher lesen. Trotzdem versucht man natürlich die Gründe für dieses ignorante Verhalten herauszufinden und ja, es ist Ignoranz.

Es fällt häufig das Wort „Kritik“. Grundsätzlich sind Familienmitglieder und gute Freunde sehr schlechte Kritiker, wenn sie sich dazu herablassen, das Buch eines Autors zu lesen, mit dem sie verwandt oder befreundet sind. Sie stehen uns nahe. Sie beurteilen nicht ohne Emotionen. Egal was wir schreiben, wenn diese Menschen uns lieben, lesen sie unsere Bücher nicht ohne eine Art von Befangenheit. Sind sie hellauf begeistert, müssen wir mit dieser Begeisterung vorsichtig umgehen. Da aber die meisten Autoren das Problem zu haben scheinen, dass ihre Bücher von ihnen nahestehenden Menschen eher nicht gelesen werden, betrifft das nur wenige Kollegen.

Die meisten Autoren erzählen eher von einem regelrechten Boykott, von einem Leugnen der Autorentätigkeit im engsten Kreis des Vertrauens. Auch das kann mit dem Thema Kritik zu tun haben. So manche Mutter, so mancher Vater, viele Geschwister, eigene erwachsene Kinder und ja, auch gute Freunde haben vielleicht Angst davor, sich mit den Büchern näher zu beschäftigen. Angst, es könnte nicht gefallen. Angst, es könnte einfach schlecht sein. Und wie geht man damit um? Da ist es doch viel bequemer, wenn man eine Verweigerungshaltung einnimmt. Dann muss man nicht offen aussprechen, dass man das Buch nicht mochte. Man verletzt niemanden und es gibt keinen Ärger.

Gleich, ob es sich um positive oder negative Kritik handelt, es geht immer um Befindlichkeiten.

Es geht aber auch darum, einem Menschen etwas zuzutrauen – oder eher nicht.

Künstler – das sind doch immer andere Menschen. Das sind doch die, die auf den Bestsellerlisten stehen, in ausverkauften Konzerthallen spielen oder ihre Malereien in den berühmtesten Galerien zur Schau stellen. Das Gefühl, einen Künstler, eine Künstlerin in der eigenen Familie zu haben, ist vielleicht deswegen nicht einfach, weil sich der eine oder andere überhaupt nicht vorstellen kann, dass so etwas möglich ist. Und gerade dann, wenn man nicht ständig mit seinen Büchern in der Zeitung steht, sondern eher darauf angewiesen ist, dass mal jemand was darüber sagt, scheint es schwierig. Wäre es gut, dann würde man davon ja in der Zeitung lesen, im Fernsehen etwas hören oder was auch immer. So denken leider viele. Da man nichts hört … muss man das ja nicht so ernst nehmen. Mein Schreiben wurde schon als „Hirngespinst“ bezeichnet. Als „Träumerei“. Und es hieß, ich sollte doch lieber was Sinnvolles mit meiner Zeit anstellen.

Vor Kurzem habe ich zu einem guten Freund gesagt: „Die meisten Menschen treiben sich gerne in der Nähe von Künstlern rum. Aber kaum jemand ist bereit, einem Menschen den sie kennen und lieben, dorthin zu verhelfen, wo derjenige als Künstler wahrgenommen wird.“

Und ja, dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man Bücher schreibt, Musik macht oder Bilder malt.

Ich denke, viele Menschen trauen ihrer eigenen Wahrnehmung nicht. Wahrscheinlich hat sogar die Schöpferin von Harry Potter mit diesen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Nun aber, da ihre Bücher weltweit gelesen werden, sie einen derartigen Kult ausgelöst und Millionen von Büchern verkauft hat, die sogar verfilmt wurden, hat sie dieses Level natürlich lange überschritten. Wenn die ganze Welt sie als Künstlerin empfindet, dann ist sie wohl eine!

Das ist natürlich eine Situation, die nur wenige von uns Autoren jemals erleben werden. Normalerweise freuen wir uns über jedes verkaufte Buch. Selbst wenn es nur ein einziges im Monat wäre. Verkaufen wir aber 100 Bücher im Monat, entsteht schon mal so etwas wie ein Hochgefühl. Mir sind Kollegen namentlich bekannt, die monatlich sogar 1000 Bücher umsetzen, die aber komischerweise noch immer die gleichen Probleme haben wie die Autoren, die überhaupt keines oder nur ein einziges Buch verkaufen. Solange es auf keiner Bestsellerliste steht, taugt es möglicherweise nichts. Das ist, meinen Beobachtungen nach, die Art und Weise, wie Freunde und Familien mit dieser Thematik umgehen: Sie trauen sich selbst nicht zu, mit jemandem verwandt oder gut befreundet zu sein, der ein wirklich gutes Buch geschrieben hat. Und oftmals, das ist leider auch ein trauriger Teil der Wahrheit, trauen sie es dem Autor selbst auch nicht zu, dass er diese Fähigkeit hat.

Ich höre aber auch oft – und habe es schon selbst erlebt – dass die Reaktionen zickig und beleidigt sind, sobald man als Autorin oder Autor das Thema anspricht. Wenn man gefragt wird: „Und, wie geht es dir denn so?“ Und dann erzählt: „Prima, ich arbeite an einem neuen Roman.“  Die Reaktionen reichen von „Du willst dich in den Vordergrund spielen!“, bis hin zu „Streng dich doch lieber in deinem Job mehr an, statt solchen Träumereien nachzuhängen.“

Erwartet hätte man an dieser Stelle eine Frage wie: „Echt? Erzähl mal, worum geht es dieses Mal?“

Mein erster Mann und Vater meiner Kinder hat nach der Schule nie wieder ein Buch angefasst. Da konnte ich es noch verstehen, dass er nicht sonderlich Lust hatte, sich mit meinen geistigen Ergüssen zu beschäftigen. Manche Menschen lesen einfach nicht gerne, also warum sollten sie unsere Werke lesen? Das ist schlichtweg zu viel verlangt. Nicht jedem Menschen ist es vergönnt, durch Lesen in eine andere Welt abtauchen zu können – und ich finde, das muss man respektieren.

Der Mann, mit dem ich danach jahrelang zusammen war, las allerdings recht viel. Nur meine Sachen las er nicht. Das ging schon bei einfachen, kleinen Gedichten los, für die er „keinen Nerv hatte“, oder „gerade nicht in der richtigen Stimmung war“. Als ich meinen ersten Roman veröffentlichte und eine erste Lesung gab, boykottierte er diese regelrecht. Er musste an diesem Abend unbedingt mit seiner Mutter essen gehen, weil er ihr das schon wochenlang versprochen hatte. Und nein, ein anderer Abend wäre natürlich nicht möglich gewesen. Er tauchte nach 23:00 Uhr auf, als schon alles vorbei war und als er sah, dass ich hier und da noch in Gespräche verwickelt war, verzog er sich mit der Begründung nach Hause, er sei irre müde. In den Jahren danach hat er es nicht ein einziges Mal geschafft, auch nur einen Blick in mein Buch zu werfen. Auch nicht in mein zweites Buch. Sie lagen in seinem Büro und mir erklärte er, er müsse so viel Fachliteratur lesen, dass er einfach keine Nerven mehr habe für einen Roman. Ich habe es irgendwann aufgegeben.

Normalerweise sind das Geschichten, die man enttäuscht und verletzt für sich behält. Über die man verbittert ist. Geschichten, die man niemandem erzählt, weil man sich einfach schlecht fühlt deswegen. Wertlos, ungeliebt und in den Dingen, in die man so viel Herzblut investiert hat, einfach nicht wahrgenommen. Das sind Geschichten, die man deswegen nicht erzählt, weil man immer denkt, dass es bei anderen Autoren bestimmt anders zugeht.

Bis man sich mit Kollegen unterhält und feststellt: Sie erleben (fast) alle das Gleiche. Die wenigsten Partner interessieren sich dafür, die meisten reagieren sogar stinksauer, wenn man überhaupt nur davon redet, dass man ein Buch geschrieben hat. Oder zwei, oder drei? Eltern äußern sich eher negativ: „Der könnte ja in seinem Beruf so viel erreichen, aber er sitzt ja lieber am PC und schreibt Bücher, die keiner kauft.“ Selbst wenn sie sich eigentlich ganz gut verkaufen. Geschwister: „Ach, du weißt doch, dass das nicht das Genre ist, das ich normalerweise lese.“ Freunde: „Du, ich habe im Moment überhaupt keine Zeit zum Lesen. Soll ich es dir wieder zurückgeben? Es liegt nun seit einem halben Jahr auf meinem Tisch und ich kam noch nicht mal dazu, reinzuschauen.“

Letztlich glaube ich inzwischen, dass wir einem Denkfehler aufsitzen. Natürlich wünschen wir uns insbesondere die Anerkennung und das Interesse der Menschen, die wir am meisten lieben und schätzen. Das sind die Menschen, die uns nun einmal viel bedeuten. Ihr Desinteresse trifft uns ganz besonders.

Ich denke, man darf an dieser Stelle ruhig auch einmal den Begriff „passive Aggression“ erwähnen. Passive Aggression ist schwer zu identifizieren, im  eigenen Kreis des Vertrauens übrigens am allerschwersten. Wer möchte schon wissen, dass jemand, der einem nahesteht, Aggressionen hegt? Passive Aggression äußert sich dadurch, dass jemand bewusst etwas NICHT tut. Beklagt man sich darüber, dass man sich verletzt fühlt, kommt zur Antwort: „Verstehe ich nicht, ich habe doch überhaupt nichts getan?“

Genau das ist der Punkt. Das Buch eines guten Freundes oder gar Lebenspartners NICHT zu lesen, kann auch passiv-aggressiv sein.

Passive Aggression. Die Gründe dafür sind vielfältig. Vielleicht kommt ein Lebenspartner nicht damit zurecht, wenn man selbst mal ein bisschen Aufmerksamkeit bekommt, und wenn es nur zwei Minuten sind. Vielleicht kommt eine gute Freundin nicht damit zurecht, dass man es geschafft hat, ein Buch zu schreiben, weil sie selbst vielleicht auch gerne schreiben würde, aber über zwei Seiten nicht hinauskommt. Vielleicht ist eine Beziehung für einen der Partner längst vorbei, aber er traut sich nicht, einfach zu gehen. Manchmal ist es auch ganz banal. Vielleicht wollte jemand eigentlich immer Klavier spielen, ist aber nicht dran geblieben. Da kann diese Art der passiven Aggression schon mal vorkommen, auch wenn es feige und hinterhältig ist. Vielleicht kommt auch einer von beiden einfach nicht damit zurecht, dass der andere irgendwie erfolgreich ist in dem was er tut. Das hat nichts mit Verkaufszahlen zu tun, sondern eher mit der Tatsache, dass da irgendwo irgendein Werk im Handel ist, wo der Name des Partners, der Partnerin draufsteht. Manchmal ist es einfach Neid, Missgunst oder irgendein anderes, niederes Gefühl.

Das wissen wir nicht, aber wir ahnen es. Und das ist auch genau das, was uns so verletzt, wenn unsere Familie, unsere Freunde, Menschen eben, die uns nahestehen, unsere Werke so dermaßen ignorieren.

Vielleicht ist die Ignoranz auch deswegen so verletzend, weil wir von uns selbst ausgehen. Ich selbst habe schon so einige Bücher gekauft, weil ich den Autor kannte. Früher, als ich noch in Musikerkreisen verkehrt habe, kaufte ich von jeder Band die ich kannte die Demo-CD, ganz offiziell direkt nach dem Gig. Wenn ich es mir leisten könnte, hätte ich von dem einen oder anderen Maler, mit dem ich befreundet bin, ein Werk an der Wand hängen, aber das übersteigt leider meine finanziellen Ressourcen. Wahrscheinlich haben viele Autoren schon in dieser Art und Weise Freunde oder Bekannte unterstützt, ihnen Mut zugesprochen, weiter zu machen, Interesse gezeigt. Natürlich erwarten wir dann irgendwie, dass das dann auch jemand für uns tut. Und geschieht das nicht, tut das einfach weh.

Es tut auch einfach weh, wenn man Vorwürfe hört wie „Du willst dich in den Vordergrund spielen.“ Ich persönlich beschäftige mich in neunzig Prozent meiner beruflichen und freien Zeit mit anderen Menschen. Dass ich schreibe, erzähle ich selten und schon gar nicht überall. Man zuckt aber natürlich zusammen, wenn man einen solchen Vorwurf hört, denn möchte man sich in den Vordergrund spielen? Nein, das will man eigentlich gar nicht. Die wenigsten Autoren, die ich kenne, wollen im Mittelpunkt stehen. Sie wünschen sich nur ab und zu ein ganz kleines bisschen Interesse. Eine Nachfrage, wie es denn so läuft. Ob man gerade an etwas Neuem arbeitet und wenn ja, was das denn dieses Mal sein wird. So wie man sich über die neue Nummer eins in den Charts unterhält und über den leckeren Kuchen, der gerade auf dem Tisch steht. Mehr nicht. Allerdings müssen wir damit leben lernen, dass jeder Kuchen in unserem engsten Kreis mehr Aufmerksamkeit bekommt als unser kreatives Wirken. Warum? Vielleicht deswegen, weil der verdammte Kuchen so real ist und vor allem, so ganz normal ist, und nun vor uns auf dem Tisch steht. Man kann sich einfach ein Stück nehmen, es essen, den Kuchen lecker finden. Er ist aber nichts Besonderes. Jeder kann backen.

Wir müssen vielleicht einfach selbst begreifen, dass wir innerhalb unserer Familien und unseres Freundeskreises eine andere Rolle spielen. Eine, die man uns zugedacht hat, vielleicht auch eine, die wir uns irgendwann mal selbst ausgesucht haben. Vielleicht müssen wir einfach begreifen, dass unser Schaffen nicht von Freunden und Familien abhängt, sondern von uns selbst. Wir müssen vielleicht auch begreifen, dass die Meinung Fremder über unsere Bücher viel wichtiger ist, als die der Familie und der Freunde. Es sind die Fremden, die ein Buch aus Interesse heraus kaufen und nicht, weil man es von ihnen erwartet. Es sind die Fremden, die dann darüber reden, wenn es ihnen gefallen oder nicht gefallen hat. Es sind die Menschen, die wir nicht kennen, deren Meinung wir hoch schätzen müssen, weil sie unsere Werke völlig nüchtern betrachten und ohne irgendwelche Emotionen. Es sind die Fremden, die in den sozialen Medien unsere Links teilen und ihren Freunden unsere Bücher empfehlen.

Ich persönlich habe neue Freunde und auch meine Familie von der Verantwortung entbunden, meine Bücher zu lesen und etwas darüber zu sagen. Es lebt sich leichter damit, denn sie tun es ohnehin nicht. Klingt das verbittert? Das soll es nicht. Meine Freunde und meine Familie bekommen von mir Kuchen serviert. Das ist meine Rolle in diesem Kreis des Vertrauens. Meine Bücher schreibe ich für fremde Menschen.

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